Türkische Gastarbeiter- mein persönliches Erbe
Ein Essay von Aziz Burak, 11. Klasse
Als Deutschland in den 1960er Jahren Arbeitskräfte für sein Wirtschaftswunder suchte, schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. 10.000 Männer und später auch Frauen kamen, um in Fabriken, auf Baustellen und in der Industrie zu arbeiten. Viele wollten nur kurz bleiben, doch aus Monaten wurden Jahre und oft ganze Leben. Auch meine Familie gehört zu dieser Geschichte.
Die Arbeit war hart, körperlich belastend und oft gefährlich. Viele Migranten arbeiteten an Maschinen, für die sie kaum ausgebildet waren. Mein Großvater verlor bei einem Arbeitsunfall sogar seinen kleinen Finger. Trotzdem arbeitete er weiter, weil seine Familie auf seinen Lohn angewiesen war. Seine Verletzung erinnert uns bis heute daran, welche Opfer viele der ersten Gastarbeitergenerationen gebracht haben.
Dass diese Arbeitsbedingungen häufig unmenschlich waren, zeigte der deutsche Journalist Günter Wallraff. In den 80er Jahren verkleidete er sich als türkischer Gastarbeiter „Ali“ und arbeitete undercover in verschiedenen Betrieben. Er dokumentierte, wie grausam, ausbeuterisch und respektlos viele Migranten behandelt wurden: schwere körperliche Arbeit, schlechte Bezahlung, kaum Sicherheit, kaum Pausen und wenig Wertschätzung. Wallraffs Recherchen sorgten dafür, dass ganz Deutschland endlich sah, was viele Migranten täglich erlebten.
Ein Zentrum der türkischen Migration war Köln. Dort lebten damals Tausende türkischer Arbeiter, viele in Wohnheimen großer Firmen. 1973 kam es dort zum bekannten Ford-Streik, bei dem viele türkische Arbeiter gegen schlechte Bedingungen protestierten – ein wichtiger Moment der deutschen Arbeitergeschichte.
Auch Berlin spielte eine große Rolle: Ein Mann baute ein Haus direkt an der Berliner Mauer – ein Symbol dafür, wie Migranten trotz Hindernissen versuchten, sich ein Zuhause zu schaffen. Vor allem rund um das Cottbusser Tor entstand ein kulturelles Zentrum, das heute oft „Küçük Istanbul“, also „kleines Istanbul“, genannt wird, geprägt von türkischen Märkten, Bäckereien, Restaurants und Treffpunkten.
Doch die Geschichte der Gastarbeiter hat auch eine dunkle Seite. Menschen, die nicht deutsch aussahen, wurden oft ausgegrenzt oder beleidigt. In den 80er-Jahren kam es immer wieder zu Angriffen von Neonazis und rechtsextremen Gruppen. Viele türkische Familien lebten in dieser Zeit in Angst, weil Migranten gezielt bedroht wurden oder Opfer von Gewalt waren.
Heute leben Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland – Kinder und Enkelkinder jener ersten Arbeiter. Viele, so wie ich, wachsen zwischen zwei Kulturen auf. Wir tragen die Geschichte unserer Großeltern in uns, auch wenn wir ihre Härten nicht selbst erlebt haben.
Die Geschichte meines Großvaters und die Enthüllungen von Leuten wie Günter Wallraff zeigen, wie viel Mut, Stärke und Ausdauer diese Generation hatte. Was als temporäres Arbeitsprogramm begann, wurde zu einem zentralen Teil der deutschen Geschichte. Die türkischen Gastarbeiter haben Deutschland wirtschaftlich aufgebaut und kulturell bereichert. Ohne sie wäre Deutschland nicht das vielfältige, moderne Land, das es heute ist.