Unser Schmerz ist unsere Kraft
6.12.25 von Hadidja S.
Am Freitag, dem 05.12., hatten die Jahrgänge 11–13 eine Lesung. Zu Gast war Semiya Şimşek, Tochter von Enver Şimşek. Gamze Kubaşık, Tochter von Mehmet Kubaşık, war leider aufgrund der Belastung eines Prozesses, der etwas mit den NSU-Morden zu tun hat, nicht in der Verfassung zu kommen. Semiya stellte uns ihr gemeinsames Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ vor und half uns zu verstehen, wer eigentlich ihre Väter waren und was es für sie und ihre Familien bedeutete, weiterzumachen ohne sie. Außerdem erzählte sie uns, wie es war, nur 24 Stunden nach seinem Tod, im Alter von 14 Jahren, sieben Stunden von der Polizei verhört zu werden. Sie hatte ihren Vater verloren, doch die Polizei machte ihren ermordeten Vater und seine Familie zu den Tätern.
„Die Lücken, die unsere Väter hinterließen, können nie geschlossen werden“, war der Satz, mit dem die Lesung geschlossen wurde und den man nicht so schnell vergessen wird.
Damit man jedoch versteht, warum die Lesung so wichtig war und was überhaupt das Motiv der Täter war, muss man wissen, was hinter den NSU-Morden steht. Zwischen 2000 und 2007 ermordete eine rechtsterroristische Gruppe, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ nannte, zehn Menschen. Sie suchten gezielt nach migrantischen Opfern, die meistens Türken waren, ein Opfer war griechisch und ein anderes kurdisch. Weshalb die Morde oft bis heute noch als „Dönermorde“ bezeichnet werden. Jahrelang gab die Polizei den Opfern die Schuld und es gibt Beweise, dass im Verfassungsschutz von einem Mitarbeiter nur wenige Tage, nachdem die Kernmitglieder der NSU aufgeflogen sind, Akten geschreddert wurden, in denen es um V-Leute ging, die in rechtsextremen Gruppen aktiv waren. Erst am 4.11.2011 entdeckte die Polizei die Täter, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die sich nach einem gescheiterten Bankraub mit den Leichen ihrer Opfer in ihrem Wohnwagen selbst verbrannten. Beate Zschäpe, die Dritte der NSU-Täter, stellte sich danach der Polizei, doch davor zündete sie noch deren gemeinsame Wohnung an, um jegliche Beweise zu vernichten. Jedoch stellte die Polizei noch Bekennervideos sowie Waffen sicher. Das war nicht nur der Tag, an dem eine der drei Täter endlich lebenslang verurteilt wurde, sondern auch der Tag, an dem die Behörden gesehen haben, dass Semiyas Familie unschuldig ist, elf Jahre später. Um zu verstehen, was für ein Ausmaß diese Taten hatten und den Opfern Respekt zu erweisen, sind hier einmal alle Namen der Ermordeten.
Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Michele Kiesewetter.
Es sind nicht nur Namen auf einer Liste, es waren Väter, Söhne, Töchter, Brüder, Nachbarn und Freunde, deren Leben brutal genommen wurde. Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind daran schuld, dass Gamze, Semiya und viele andere ohne ihre Väter aufwachsen mussten.
Doch das zeigt nicht nur, was damals passiert ist, sondern weshalb dieses Thema heute noch wichtig ist. In Deutschland gibt es mittlerweile wieder einen spürbaren Rechtsruck. Nicht nur auf Social Media, sondern auch teilweise schon unter Jugendlichen in Gesprächen. Auch die Jugendorganisation „Junge Alternative“, die offiziell zur AfD gehörte, jedoch am 31.3.25 aufgelöst wurde, war vorher als gesichert rechtsextrem vom Verfassungsschutz eingestuft worden. Die AfD hat jetzt Ende November eine neue Jugendorganisation gegründet, die zur AfD gehört. Sie heißt „Generation Deutschland“ und wird schon vom Verfassungsschutz beobachtet. Was noch einmal zeigt, dass solche Ideologien nicht einfach verschwunden sind, ganz im Gegenteil, sie treten immer mehr wieder zum Vorschein. Wenn Menschen ausgegrenzt werden, zeigt das, wie gefährlich es werden kann, wenn Hass immer weiter wächst. Genau deshalb macht die Lesung noch einmal deutlich, wohin Rassismus führen kann, und dass wir anfangen müssen, Verantwortung zu tragen, damit sich so etwas wie das NSU-Geschehen nie wieder wiederholt und wir nicht eines Tages Gamzes und Semiyas Platz einnehmen, weil uns unsere Wichtigsten genommen worden sind, aus purem Hass für etwas, wofür keiner etwas kann und wofür man sich niemals schämen oder schlecht fühlen sollte.
Jeder trägt Verantwortung, sich gegen Hass zu stellen und Ausgrenzung zu vermeiden. Also tut das bitte, und wenn ihr Leute kennt, die in eine rechte Schiene geraten, versucht ihnen den richtigen Weg zu zeigen.